Dies ist ein Beitrag zum Thema Schwere Fälle erkennen: Welche Fälle sollte man evtl. ablehnen? im Unterforum Betreuung: Bestellung - Abgabe - Wechsel - Ende , Teil der Rechtsfragen im Rahmen des Betreuungsrechts
Liebe Mitglieder des Forums,
ich habe eine ernsthafte Frage an alle, die schon länger in der rechtlichen Betreuung tätig sind.
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#1 |
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Forums-Geselle
Registriert seit: 16.09.2025
Beiträge: 74
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Liebe Mitglieder des Forums,
ich habe eine ernsthafte Frage an alle, die schon länger in der rechtlichen Betreuung tätig sind. Aus meinem jetzigen Beruf weiß ich: Es gibt immer Code-Wörter oder Fallkonstellationen, die sofort auf bestimmte "Katastrophen" hindeuten. Berufsanfänger sind da meistens noch sehr naiv. Ist man erfahren, hört man das schon in den ersten eins, zwei Minuten, oder aus einer einzigen verfassten Anfrage heraus, was einen erwartet. Und was schwierig wird. Oder auch: Wovon man die Finger lässt. Auch hier im Forum habe ich schon einige Beiträge in Richtung "Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich den Fall nie angenommen", gelesen. Mir ist klar, dass solche Fälle ohnehin kommen. Aber ich möchte da jetzt nicht mit der Haltung "mal gucken was passiert", ran. Sondern eher: "Gucken musst du schon auch, aber guck' richtig." Das Problem ist: Dass es diese Fälle gibt, weiß ich. Auch ist mir bewusst, dass jeder eigene Vorlieben hat, und dass der eine sich vielleicht wohl und sicher bei Fällen fühlt, wo ein anderer Berufsbetreuer sagt: "Nee du, das muss nich`!" Was ich aber überhaupt nicht weiß ist, was hier die Code-Wörter oder Fallkonstellationen sind, die man nicht mitlesen oder überhören sollte, sondern denen man unbedingt mehr Beachtung schenken sollte. Deshalb meine Frage: Wenn ihr an eure schlimmsten oder schwierigsten Fälle denkt... Sei es weil der Arbeitsaufwand unverhältnismäßig hoch ist. Oder der Betreuungsaufwand? Oder das Umfeld? Oder die Person oder ihre Umstände an und für sich? Welche sind das? Wenn ihr bestimmte Sachen nicht öffentlich schreiben wollte, freue ich mich auch über eine PN. Bislang habe ich nur folgende Fälle auf dem Schirm, und da würde ich mich trotzdem über eure ergänzenden Hinweise und Einschätzungen freuen. - Ausländer, wegen Dolmetscherkosten - Paranoide Schizophrenie, weil gefährlich (Stimmt das so?) - Notfall, Komapatient, aber evtl. maßlos viel Papierkram im Hintergrund, und wenige Tage später verstirbt er - Überambitionierte Angehörige, die unfassbar anstrengend und grenzüberschreitend sein können, und mir Erfahrung fehlt im (was dürfen die etc...) Unabhängig davon: Bei was sollten möglichst immer die Alarmglocken läuten? (Wenn man ehrlich ist) Bei welchen Fällen ist es sehr wahrscheinlich, dass die einen Berufsbetreuer (insbesondere wenn er unerfahren ist) unverhältnismäßig rein reißen? Mir geht es nicht darum, nicht oder wenig zu arbeiten. Sondern darum realistisch und auch wirklich gut arbeiten zu können. Ich würde mich sehr über eure Erfahrungen, Tipps und Hinweise freuen. Ein bisschen nach dem Motto: Das hätte "mein früheres Ich" gerne schon vorher gewusst. Geändert von Jungbrunhilde (25.11.2025 um 16:11 Uhr) |
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#2 | |
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Routinier
Registriert seit: 29.11.2009
Ort: Niedersachsen
Beiträge: 1,308
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Zitat:
ich bin Berufsbetreuer und man darf von mir erwarten, dass ich jede Betreuung erst einmal führen kann. Sollte sich im Verlauf der Betreuung herausstellen, das ein anderer Kollege besser geeignet ist, dann rege ich einen Wechsel an. Das habe ich bisher zweimal gemacht. Einmal ging es fast nur ums Vertragsrecht, da war ein RA besser und einmal ging es fast nur um gynäkologische Angelegenheiten, da war eine Kollegin besser. Ich wähle meine Betreuungen nicht aus, wenn ich aufnehmen kann, nehme ich auf, was kommt. Das nicht aufnehmen von unliebsammen Betreuungen oder das Abgeben von aufwändigen Betreuungen gehört nicht zu meiner Arbeitsauffassung. Auch finde ich sowas absolut unkollegial. Der Leuchtturm |
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#3 | |
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Forums-Geselle
Registriert seit: 16.09.2025
Beiträge: 74
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Zitat:
Hallo Leuchtturm, die Auffassung: Das ist kein Wunschkonzert habe ich auch schon gelesen. Allerdings lernt man ja mittlerweile sogar gesetzlich vorgeschrieben seine Betreuten kennen. Weil man schon schauen muss, was passt. Vielleicht hast du da die alten Zeiten miterlebt, wo man angenommen hat, was auf den Schreibtisch kam. Das mache ich nicht, und auch wenn ich weiß, dass das nicht immer funktioniert, finde ich die Gesetzesanpassung dahingehend gut. Es gibt aber auch andere Haltungen von Berufsbetreuern. Und ich gehöre - das weiß ich jetzt schon - wohl zu denen. Das Abgeben von Betreuungen wäre aus meiner Sicht eine Notlösung. Aber keine, die ich anstreben würde, weil ich der Überzeugung bin: Ich kann und weiß alles, und mute mir auch alles zu. Ich arbeite auch nicht für die Kollegen mit (und umgekehrt). Ich bin ja selbstständig. Was die machen oder nicht, liegt ja nicht in meiner Verantwortung. (Und das ist nicht zynisch gemeint, sondern die eigenen Grenzen muss ja jeder für sich selber setzen.) Ich bin der festen Überzeugung, dass die Betreuer, die dann im Burnout landen, oder in chronischer Unzufriedenheit das aus dieser Grundüberzeugung tun, weil sie denken, sie müssen alles machen. Sonst müsste ich ja auch mit 40 Fällen anfangen. Alles andere ist ja unkollegial... Ich bin da wirklich ein Freund von realistischer Selbsteinschätzung - von Anfang an langfristig gedacht. Geändert von Jungbrunhilde (25.11.2025 um 16:24 Uhr) |
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#4 |
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Forums-Geselle
Registriert seit: 16.09.2025
Beiträge: 74
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Die andere Sache ist ja auch, dass Berufsbetreuer sehr unterschiedlich hoch vergütet werden.
Hier arbeiten die "reichen" ja auch gar nicht für die "armen" mit. =) Im Gegenteil. Aber wie gesagt, um das Thema Kollegialität soll es gar nicht gehen. Wobei mir da gerade einfällt, dass man den Spieß auch umdrehen könnte, und behaupten könnte: Die alten sind unkollegial. Die sagen nämlich, die neuen sollen alles machen (und der Anwalt der neu ist, soll auch gerne hochkomplexe Fälle vertreten, weil er das muss - nicht weil er das so gut kann.). Deshalb nochmal ausdrücklich. An die Betreuer, die da schon ihre persönlichen Grenzen ausgelotet haben: Wo würdet ihr empfehlen eine Grenze zu ziehen? Und bei welchen Konstellationen oder auch "Code-Wörtern" sollte man ernsthaft überlegen ob man den Fall annehmen kann? |
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#5 | |
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Forums-Geselle
Registriert seit: 21.04.2017
Ort: bei Heidelberg
Beiträge: 286
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Zitat:
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#6 | |
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Forums-Geselle
Registriert seit: 16.09.2025
Beiträge: 74
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Zitat:
Hallo Elara, danke für die Antwort. Also heißt das im Klartext: Nur weil jemand diese Diagnose hat, muss ich nicht automatisch und immer damit rechnen, dass ich die Person in ihrem Wohnumfeld aufsuche, und sie mich ernsthaft und scheinbar unvorhergesehen, daher ohne erkennbare Vorwarnzeichen, attackiert? Bzw. selbst wenn, dann ist das statistisch betrachtet unwahrscheinlich. Möglich. Aber unwahrscheinlich. Unbequem, weil die eventuell fünf Mal anrufen, und erzählen schon wieder ist die Wohnung verwanzt, und ich hätte doch gesagt, es gibt doch fünf Euro.... Aber nicht mehrheitlich richtig gefährlich. Habe ich das so richtig verstanden? Ich frage aus folgendem Grund: Mir wurde gesagt, dass das passieren kann, und dass es Berufsbetreuer gibt, die keine zu Betreuenden mit dieser Diagnose annehmen. Weitaus häufiger müsse man aber damit rechnen beschimpft zu werden. Nun habe ich kein Problem mit Beschimpfungen, aber mit Hintern versohlen, oder "messerbehafteten Tätigkeiten" schon eher. Welche Erfahrungen haben da andere? Gibt es bei den Menschen, die schnell und wirklich ohne erkennbare Vorzeichen gefährlich werden können, immer eindeutige Hinweise, die man - sodenn man genau schaut - bei dem Fallangebot erkennt? |
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#7 | |
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Berufsbetreuer
Registriert seit: 21.02.2008
Ort: Hessen
Beiträge: 1,420
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Zitat:
Du arbeitest auch als Selbständige in einem größeren Gefüge, nennen wir es mal das Betreuungswesen. Dieses ist auf vielfältige Weise verzahnt. Diese Verzahnung umfasst auch dich und deine Kolleg*inen im Sprengel. Du nimmst mit deiner Haltung der Betreuungsbehörde die Möglichkeit, "schwere" Betreuungen einigermaßen auf gerecht auf alle zu verteilen. Vordergründig gelingt es dadurch, dich bei Betreuermangel als Betreuerin halten zu können und somit die Anzahl der vermittelbaren Fälle nicht weiter zu schmälern. Tiefer geblickt schadest du damit sehr wohl deinen Kolleg*innen und damit auch dem ganzen Gefüge, letztlich auch dir. Wenn diejenigen, die sich keine Rosinen picken, tatsächlich entnervt und entkräftet aufhören, werden die Behörden mehr Betreuungen selbst führen müssen, und dann verständlicherweise einen Teufel tun, sich selbst die schweren Fälle aufzuhalsen und dir nur Wunschbetreuungen zu geben. Ein bisschen Blick über den Tellerand wäre also vermutlich auch für dich gut. Ich kenne hier im Sprengel die Betreuer*innen, die nach deinem Ansatz verfahren. Niemals nehme ich im Zuge von Betreuerwechseln diesen Kolleg*innen Betreuungen ab und begründe das offen gegenüber der Behörde. Im Übrigen sind alle Betreuungen Wundertüten. Du weißt nie, wer morgen einen halben Straßenzug erbt. Deine Frage nach der (grundsätzlichen?) Gefährlichkeit von Klienten mit paranoider Schizophrenie ist indessen reichlich irriterend. Wo hast du deinen Sachkundenachweis gemacht? |
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#8 |
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Forums-Geselle
Registriert seit: 16.09.2025
Beiträge: 74
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Alles klar.
Jetzt verstehe ich, was die Dame meinte, die eine Frage gestellt hat, keine Antworten aber dafür sehr grenzüberschreitende Belehrungen erhalten hat, und dann sagte: Sie weiß schon, warum sie hier keine Fragen stellt. |
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#9 |
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Berufsbetreuer
Registriert seit: 21.02.2008
Ort: Hessen
Beiträge: 1,420
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Wie schon dieser konfuse alte Chinese immer sagte:
Wer eine Echokammer sucht, sollte nicht ins Fachforum schauen. |
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#10 |
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Einsteiger
Registriert seit: 04.09.2023
Ort: Sachsen-Anhalt
Beiträge: 16
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These: Der Schlüssel zum finanziellen Überleben liegt nicht darin, der beste Betreuer für die schwersten Fälle zu sein, sondern der effizienteste Betreuer für überschaubare Mandate zu sein.
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