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Sind Betreute Rechtsmittellos?

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Hallo! Ich frage mich immer wieder, ob in Deutschland Betreute Rechtmittellos sind. Ich fühle mich künstlich eingeschränkt durch meinen GB. ...


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Alt 02.01.2022, 15:14   #1
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Beiträge: 5
Standard Sind Betreute Rechtsmittellos?

Hallo!

Ich frage mich immer wieder, ob in Deutschland Betreute Rechtmittellos sind. Ich fühle mich künstlich eingeschränkt durch meinen GB.
Ich habe doch normale Rechte als Bürger. Dass man sich an die Regeln der Gesellschaft zu halten hat, ist mir ja bekannt. Aber darf man gar nichts machen, was einem Spaß macht? Ich frage mich immer, sind Betreuungen immer eine Triage? Wo man immer alles mit dem GB absprechen muss? Ich muss doch nicht mitteilen, welche Person ich schön finde und warum ich gerne mit einer Person zusammen wäre. Ich wünsche mir so eine Lebensgemeinschaft, aber ich denke immer, ich darf keine Liebe eingehen. Weil das Gerichtlich so veranlagt ist.
Ich denke, weil ich keine Verträge abschließen darf, darf ich fast nix machen. Ich muss immer nur in der Wohnung sitzen. Ich fühle mich fremd bestimmt durch meine Betreuerschaft und zum Rapport bestellt. Jede Woche kommen meine Betreuer mit den selben dummen Fragen an.


Ich meine das Interesse ist ja schön und gut, aber ich will auch mal positive Erfahrungen mit Menschen haben. Es gibt draußen mehr als nur Betreuerstäbe. Ich höre nur noch Pflege(dienst), Betreuerschaft etc... mir wächst das manchmal zum Halse raus. Nur weil ich Pflege und Grundsicherung beziehe, bin ich doch lange noch kein Hilfsbedürftiger. Ich kann mir sehr gut selber helfen, habe eine Moralvorstellung und einen eigenen Willen. Aber die Menschen behandeln einen wie "nicht zustellbar oder nicht zurechnungsfähig".


Wo bleibt die Menschlichkeit? Liegt das an meiner Krankheit? Ich bin innerlich viel lieber, und zuvorkommender. Aber die Betreuerschaft ist immer so unpersönlich und distanziert. Für sie verkomme ich immer zum Termin. Das stört mich auch so. Wir sind doch in erster Linie "Mensch" und kein Klient. Dass man Kranke immer unter dem DEckmantel des Kranken hinstellt. Eine Frechheit. Manchmal bin ich sehr enttäuscht.

Man wird nur noch als Betreuter gesehen und nicht mehr als Mensch wahr genommen. Wir alle haben unsere FEHLER und PROBLEME - Egal ob Betreuer oder/und Betreute. Ich fühle mich phasenweise echt veräppelt,wenn die einen erziehen versuchen. Ich bin 31 und habe meine eigene Meinung zum Leben. Das lasse ich mir nicht vorschreiben, wie ich zu sein habe. Unterstützung ist gut , aber ich weiß was ich kann und wünsche mir mehr Handlungsfreiheit, dann kann ich auch was beweisen.
Dominik Escape ist offline  
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Alt 02.01.2022, 21:49   #2
Admin/Berufsbetreuer
 
Benutzerbild von Imre Holocher
 
Registriert seit: 16.03.2004
Ort: Betreuungsbüro Herrlichkeit 6 in 28857 Syke
Beiträge: 7,765
Standard

Moin moin



Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Hallo!
Ich frage mich immer wieder, ob in Deutschland Betreute Rechtmittellos sind. Ich fühle mich künstlich eingeschränkt durch meinen GB.
Betreute Menschen sind hierzulande weder rechtslos noch rechtsmittellos. Wenn Du Dich eingeschränkt fühlst, dann sage das doch Deinen BetreuerInnen. Beschreibe aber auch wobei, worin oder womit Du dich eingeschränkt fühlst.



Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Ich habe doch normale Rechte als Bürger. Dass man sich an die Regeln der Gesellschaft zu halten hat, ist mir ja bekannt.
Das ist so.
Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Aber darf man gar nichts machen, was einem Spaß macht? Ich frage mich immer, sind Betreuungen immer eine Triage?
Du hast es eben schon geschrieben:

solange Du Dich an die Regeln hältst, kannst bzw darfst Du alles machen.
Es wäre mir allerdings sehr lieb, wenn Du das Wort "Triage" nur dann gebrauchen würdest, wenn es tatsächlich angesagt ist. Jede/r rechtliche BetreuerIn würde für Dich in so einem Fall alles tun, dass Du nicht aufgrund Deiner Einschränkungen bevorzugt über die Wupper geschickt wirst.



Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Wo man immer alles mit dem GB absprechen muss? Ich muss doch nicht mitteilen, welche Person ich schön finde und warum ich gerne mit einer Person zusammen wäre.
Mußt Du auch nicht.



Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Ich wünsche mir so eine Lebensgemeinschaft, aber ich denke immer, ich darf keine Liebe eingehen. Weil das Gerichtlich so veranlagt ist.
Nichts und niemand kann Dich daran hindern, Dich zu verlieben. Kein Betreuer und auch kein Gericht.

Gerichtliche Veranlagung gibt es da nicht. Und gesetzlich ist genau das Gegenteil vergegeben: Für so höchstpersönliche Dinge wie z.B. Verlieben oder Heiraten etc. sind keine Aufgabenkreise vorgesehen. Da haben BetreuerInnen einfach nix zu bestellen.



Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Ich denke, weil ich keine Verträge abschließen darf, darf ich fast nix machen. Ich muss immer nur in der Wohnung sitzen. Ich fühle mich fremd bestimmt durch meine Betreuerschaft und zum Rapport bestellt.
Keine Verträge abschließen zu dürfen klingt nach einer Vermögenssorge mit Einwilligungsvorbehalt. Das ist natürlich schon einschneidend.

Deshalb mußt Du aber noch lange nicht nur in Deiner Bude herumsitzen. Natürlich kannst du auch rausgehen und Dich mit anderen Leuten Treffen. Das wird vielleicht durch die jeweiligen Corona-Regeln eingeschränkt, aber nicht durch Betreuer.
Also mach was draus.



Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Jede Woche kommen meine Betreuer mit den selben dummen Fragen an.
Ich vermute mal, dass es sich nicht um rechtliche Betreuer handelt. Die haben gar nicht so viel Zeit, jede Woche vorbeizukommen.
Also eher WohnbetreuerInnen. Überrasch diese doch mal mit eigenen Fragen.



Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Nur weil ich Pflege und Grundsicherung beziehe, bin ich doch lange noch kein Hilfsbedürftiger. Ich kann mir sehr gut selber helfen, habe eine Moralvorstellung und einen eigenen Willen. Aber die Menschen behandeln einen wie "nicht zustellbar oder nicht zurechnungsfähig".
Genau das kannst Du mit ihnen zum Thema machen:
Was kannst Du selber, wobei würdest Du Dir welche Hilfe Wünschen. Etc.


Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Aber die Betreuerschaft ist immer so unpersönlich und distanziert. Für sie verkomme ich immer zum Termin.
Immer wenn Du immer sagst...

...werden die Betreuer auch für Dich nur ein Termin.

Wenn Dir das nicht gefällt, dann ändere das. Am besten mit den Betreuern zusammen.


MfG
Imre
__________________
Fehler sind dazu da, um sie zu machen
und daraus zu lernen.
Fehler sind nicht dazu da, sie dauernd zu wiederholen.
Imre Holocher ist offline  
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Alt 03.01.2022, 09:16   #3
Moderator
 
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Registriert seit: 24.03.2005
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Beiträge: 3,813
Standard

Zitat:
Zitat von Dominik Escape Beitrag anzeigen
Hallo!
Aber die Betreuerschaft ist immer so unpersönlich und distanziert. Für sie verkomme ich immer zum Termin. Das stört mich auch so. Wir sind doch in erster Linie "Mensch" und kein Klient. Dass man Kranke immer unter dem DEckmantel des Kranken hinstellt. Eine Frechheit. Manchmal bin ich sehr enttäuscht.
Hallo Dominik, ich weiß hier nicht, was du erwartest. Wenn ein/e Berufsbetreuer/in bestellt ist, bist du natürlich ihr Klient, das ist nicht wirklich anders als das Verhältnis zu seinem Arzt, Steuerberater, Rechtsanwalt oder Arbeitgeber. Nämlich ein berufliches. Von dem man nicht Freundschaft, sondern hoffentlich Sachlichkeit und die gebotene professionelle Höflichkeit erwarten darf. Mehr aber nicht. Das dürfte übrigens bei den meisten Seelsorgern und Psychologen auch nicht anders sein, obwohl diejenigen, die gut im Beruf sind, es verschleiern können.
__________________
Mit vielen Grüßen
Horst Deinert

Weitere Infos:

https://www.lexikon-betreuungsrecht.de
HorstD ist offline  
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Alt 05.01.2022, 09:45   #4
Forums-Geselle
 
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Ort: Großraum Bad Dürkheim
Beiträge: 71
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Guten Morgen!


Ich habe einige Beiträge von Dominik gelesen und muss sagen, dass es mir schwer fällt, Antworten auf seine Fragen zu finden und zu formulieren, weil überhaupt nicht klar ist, wie seine Situation aussieht.



Ich vermute mal, es wurde eine rechtliche Betreuung angeordnet. Und wenn er schreibt, er dürfe keine Verträge abschließen, gehe ich wie Imre auch davon aus, dass der Aufgabenkreis "Vermögenssorge" mitsamt einem Einwilligungsvorbehalt mit im Boot ist. Wie möglicherweise auch die "Aufenthaltsbestimmung" und/oder die "Wohnungssituation".



Dominik: Wenn du uns darüber informieren würdest, welche Form der Betreuung seit wann bei dir stattfindet und welche Aufgabenkreise das Gericht dabei festgelegt hat, könnte man dir vermutlich besser helfen. Denn wenn man die Hintergründe kennt, kann man viel genauer auf deine Fragen und Probleme eingehen.


Und was mir noch aufgefallen ist: Du beschreibst viele Dinge in einer recht negativen Art und man hat stellenweise den Eindruck, dass du mit den Folgen, die das "betreut werden" so mit sich bringt, nicht immer ganz einverstanden bist. Das kann ich zwar irgendwo gut nachvollziehen. Von der Hilfe und dem guten Willen Anderer abhängig zu sein ist ganz bestimmt kein angenehmes Gefühl. Aber versuche doch mal, das Ganze aus einer anderen Perspektive zu sehen. Eine Betreuung wird ja nicht grundlos installiert. Sondern erst dann, wenn andere Maßnahmen nicht mehr ausreichen, um einem kranken Menschen zu helfen, der alleine nicht mehr klarkommt. Und eine Betreuung stellt auch keine Entmündigung dar. Dir wird Jemand zur Seite gestellt, der dir dabei helfen soll, die Angelegenheiten zu regeln, bei denen du alleine gerade nicht so klarkommen würdest. Und dabei wird und darf der Betreuer auch nicht einfach irgendetwas über deinen Kopf hinweg entscheiden. Sondern er ist dazu verpflichtet, wichtige Angelegenheiten mit dir zu besprechen und sein Handeln sowie seine Entscheidungen an deinen Wünschen und Interessen auszurichten. Sprich: Er kann nicht einfach tun und lassen, was ihm gerade passt. Was DU gerne möchtest, ist entscheidend (solange es deinem Wohlergehen nicht zuwider läuft). An DEINEN Vorstellungen hat der Betreuer sich zu orientieren.


Du siehst: Du wirst nicht einfach übergangen oder bevormundet. Deine Wünsche und Interessen sind der zentrale Punkt, an dem der Betreuer sich orientieren muss. Also mach´was draus! Sei aktiv und bring´dich ein, so gut und so intensiv es dir möglich ist! Und mal ganz ehrlich: Ein Leben mit Unterstützung an den richtigen Stellen ist doch besser, als ganz auf sich alleine gestellt zu sein und irgendwann vollständig abzusaufen, oder? Lieber mit gedrosseltem Motor fahren und nebenbei die Batterie aufladen, anstatt dauerhaft und überall mit Highspeed umher zu zischen und irgendwann die Kontrolle zu verlieren. Denn was hast du davon, wenn du die Kiste irgendwann richtig hefig vor die Wand fährst!? Außerdem muss eine Betreuung ja nicht für immer und ewig sein. Vielleicht bist du irgendwann wieder soweit fit und handlungsfähig, dass man die Betreuung einschränken oder ganz aufheben kann!? Nur Mut!



MfG,
Ralle
Ralle82 ist offline  
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Alt 09.01.2022, 10:51   #5
Ich bin neu hier
 
Registriert seit: 16.12.2021
Beiträge: 5
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Danke Ralle für dein Verständnis.
Mir wurde 2014 in der Heimzeit eine gesetzliche Betreuung beigestellt.
Ich wohne seit 2019 in einer eigenen Wohnung. Aber ich denke, ich darf wegen der Betreuung gar nix machen. Ich kriege jeden Morgen Tabletten abgereichert, die meinen Ganzen Tagesverlauf aufwühlen.
Ich lenke mich dauernd ab, weil ich die Innere Leere, die die Tablette erzeugt, nicht ertragen kann. Ich verstehe nicht was die Tablette bewirken soll. Ich bin SGB 12 und kriege Grundsicherung. Mein Betreuer hat Aufenthaltsbestimmung und Vermögensfürsorge. Ich wünschte, ich könnte irgendwann selbstbestimmter Mann sein. Ich fühle mich künstlich so eingeschränkt. Mein Vater sagt, ich sei gesundheitlich eingeschränkt. Aber ich fühle mich künstlich durch die Betreuung eingeschränkt. Bei mir wirkt alles so verschoben. Ich erkenne mich selbst nicht wieder.

Ich fühle mich wie eine ausgegraute Gesellschaftsmaus, die vom Amt getragen ist. Das hat mit Erwachsensein nichts zu tun: Sieht man einem die Armut an, die man hat? Ich fühle mich künstlich Arm gemacht, in dieser Gesellschaft von Luxus und Reichtum. Alle um mich herum fahren Autos, nur ich, ich darf keins Leisten. Was ist das für eine Monarchische Rechtsordung? Nur weil ich nicht über 100 Euro kommen darf auf der Arbeit wegen dem Amt? Weil das Amt meine Wohnung zahlt? Ich fühle mich so ausgestellt in diesem Lebensmuseum, der Leerheit.
Dominik Escape ist offline  
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Alt 09.01.2022, 13:01   #6
Admin/ Berufsbetreuerin, Dipl.Pädagogin,
 
Benutzerbild von michaela mohr
 
Registriert seit: 22.08.2005
Ort: Darmstadt
Beiträge: 13,731
Standard

Zitat:
Ich fühle mich künstlich Arm gemacht, in dieser Gesellschaft von Luxus und Reichtum.
Könntest du denn konkret vorstellen eine "richtige" Arbeit anzunehmen und mit dem Verdienst dabei dir deine Wünsche erfüllen?
Wenn du die Frage mit Ja beantworten könntest dann besteht evl. eine Möglichkeit darin, dir erst mal selbst ! einen 450 Euro (oder auch weniger)Job zu suchen und selbst zu sehen ob das klappt. Wenn Ja, sollte es weiterhin ein Leichtes sein auch die Umwelt davon zu überzeugen, das du ausreichend Fähigkeiten hast dich eigenständig über Wasser zu halten.

Das ist jetzt nur als Beispiel gedacht, ich sehe jetzt erst (wieder) das du in einer Einrichtung lebst.
Stecke dir dort für dich selbst ereichbare Ziele auf die du hinarbeiten kannst und immer so weiter, Stück für Stück.

Nimm dir dabei mal den Satz von Ralle zu Herzen:
Zitat:
Deine Wünsche und Interessen sind der zentrale Punkt, an dem der Betreuer sich orientieren muss.
Mit immer nur diffusem Jammern kommst du kein Stück weiter, nimm dein Leben in deine Hände und mach was draus.
__________________
diese kommunikation wurde im rahmen der überwachungsgesetze auf ihre kosten dauerhaft gespeichert und wird jederzeit weltweit gegen sie verwendet werden. danke für ihre kooperation.
michaela mohr ist offline  
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Alt 09.01.2022, 22:35   #7
Forums-Geselle
 
Registriert seit: 18.05.2020
Ort: Großraum Bad Dürkheim
Beiträge: 71
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Hallo Dominik!

Entschuldige bitte. Ich teile dir lieber meine ehrliche Meinung mit, als dass ich etwas schreibe, was du vielleicht gerne hörst, was dir aber nicht wirklich weiterhilft.

Betreut werden bedeutet "Unterstützung vom Staat". Menschen werden betreut, wenn sie krank bzw. behindert sind und alleine nicht mehr ausreichend für sich sorgen können. Ganz egal, was für eine Art Erkrankung das ist, ob physisch oder psychisch. Für die Einrichtung einer Betreuung ist Voraussetzung, dass der Betroffene nicht "nur" krank ist, sondern dass er aufgrund der Erkrankung seine persönlichen Angelegenheiten alleine nicht mehr regeln kann. Wenn sich Niemand findet, der ihn ehrenamtlich betreut, stellt das Gericht ihm einen Berufsbetreuer zur Seite. Es prüft, wobei er Unterstützung benötigt, und legt dann Aufgabenkreise (AK) fest, in denen er vom Betreuer gerichtlich und außergerichtlich vertreten wird.

Ich beschreibe das, weil ich dir zeigen möchte, dass ein Erwachsener nicht von jetzt auf gleich eine rechtliche Betreuung erhält. Es muss schon ein bisschen was passieren, dass das Gericht die Lebensumstände einer Person überprüft. Betreuungen werden nicht grundlos eingerichtet.

Wenn du schreibst, dein Betreuer hat die AK "Vermögenssorge" und "Aufenthaltsbestimmung", dann muss es (2014?) ja so gewesen sein, dass Jemand den Eindruck hatte, dass du Probleme hast, dich eigenverantwortlich um deine Angelegenheiten zu kümmern, und dass du alleine nicht mehr gut zurechtkommst, oder!?

Ich weiß nicht, wie gut du dich mit deinem Betreuer verstehst und WER von euch beiden WELCHE Aufgaben übernimmt. Aber ich glaube, dass du ein intelligenter, feinfühliger junger Kerl bist, der sich aktiv mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Allerdings habe ich auch ein wenig den Eindruck, dass es dir schwer fällt, den Grund und den Sinn der Betreuung zu verstehen. Wobei ich mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher bin, ob du diese Dinge nicht 100%ig nachvollziehen KANNST, oder ob sie dir zwar bewusst sind, du sie aber womöglich nicht ganz wahr haben möchtest.

Ich rate dir, die Situation anzunehmen. Und zwar so, wie sie ist. Das bedeutet, auch die Betreuung anzunehmen. Sie ist im Moment ein Teil deines Lebens. Und weil eine Betreuung nicht grundlos eingerichtet bzw. aufrecht erhalten wird, gehe ich mal davon aus, dass man bei dir derzeit der Ansicht ist, dass du ohne Unterstützung (noch) nicht alleine klarkommst!?

Du kannst mir glauben. Auch ich werde (noch) betreut, und ich weiß, wie sich das anfühlt. Wenn man ein Anliegen hat, bspw. von einer Behörde oder seiner Bank ein bestimmtes Dokument benötigt, und abgekanzelt wird mit den Worten "Tut mir leid, da muss Ihr Betreuer zu uns kommen und sich das Dokument in Ihrem Namen aushändigen lassen. Das kann ich Ihnen so leider nicht geben." Oder "Wenn die Post wieder an Sie geschickt werden soll, müssen Sie die Betreuung aufheben lassen oder uns einen Dreizeiler Ihres Betreuers schicken, dass wir das so machen können. Dann geht das in Ordnung." In solchen Momenten könnte ich aus der Haut fahren und meine gute Erziehung ganz kurz vergessen. Aber wenn ich solche Leute würge bis mindestens zur Bewusstlosigkeit macht es das auch nicht besser. Zum einen kann man den Leuten kaum verübeln, dass sie vorsichtig sind. Am Telefon kann Jeder behaupten, er sei weiterhin voll geschäftsfähig. Klar, dass dann ein Nachweis und das "OK" des Betreuers verlangt wird. Und zum andern weiß der Großteil der Bevölkerung es einfach nicht besser. Wenn du dich auf die Straße stellst und rufst "Ich werde betreut" denken die Leute, du bist Klein-Doofi und bemitleidenswert. Welche Rechte auch ein Betreuter hat, wissen nicht sooo Viele.

Ich habe in den letzten 2 Jahren einiges erlebt. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man abgespeist wird oder der Typ am anderen Ende der Leitung plötzlich einfach auflegt. Aber das darf man nicht zu sehr an sich ran lassen. Ja, es fällt verdammt schwer, wenn man vielleicht eh schon einen sch... Tag hatte, ich weiß.

Mein Betreuer hat noch die AK "Vermögenssorge" und "Vertretung gegenüber Behörden/Rentenversicherungs- und Sozialleistungsträgern". Meine Situation ist zwar eine andere, vermute ich. Ich habe damals erst einen Betreuerwechsel und dann die Fortführung der Betreuung beantragt. Momentan bin ich dabei, den Aufhebungsantrag für meine Betreuung zu formulieren, um ihn dann zum Amtsgericht zu schicken.


Ich rate dir, aktiv bei der Betreuung mitzuarbeiten und dich einzubringen. Äußere deine Wünsche und Interessen. Übernimm´ Aufgaben, wenn du dich dazu imstande fühlst. Hinterfrage Dinge, die dir unklar sind. Und mach´ dir klar: Ich bin krank. Du bist krank. Jeder Betreute ist krank bzw. behindert, aber Niemandmuss sich dafür schämen! Wir benötigen die Hilfe Anderer. Der Eine mehr, der Andere weniger. Das kann manchmal verdammt schwer fallen, sich das einzugestehen. Aber du bist nicht arm oder schwach, weil du um Hilfe bitten musst. Arm und schwach ist derjenige, der den Kranken belächelt und sich für etwas Besseres hält.

Dass die Hilfestellung Anderer beim Betroffenen zum Erfolg führt, ist nicht selbstverständlich. Je nachdem, worum es sich handelt. Es wird sicher nicht damit getan sein, sich nur kluge Ratschläge geben zu lassen. Damit meine ich, dass du dir hier im Forum viele Tipps geben lassen kannst. Um an deiner Situation etwas zu ändern musst du auch versuchen, sie in der Praxis so gut wie möglich anzuwenden. Das ist der nächste Punkt, der mir bei dir ab und an auffällt. Wie gesagt habe ich absolut Verständnis, dass du vielleicht nicht ganz glücklich darüber bist, betreut zu werden, und dass du so manchen Aspekt nicht unbedingt toll findest. Auch ich bin in der Beziehung Betreuer - Betreuter der "schwächere" von uns beiden, nämlich der Betreute. Und ich kann dir sagen, dass ich froh bin, wenn ich den Gerichtsbeschluss in der Post habe, der die Aufhebung bestätigt. Allerdings ist man nur so "schwach", wie man sich gibt. Denn es ist nicht zwangsläufig so, dass der Betreuer das Kommando hat und dir sagt, was du zu tun und zu lassen hast. Wie ich dir neulich schon geschrieben habe, wird eher andersrum ein Schuh draus. Der Betreuer hat sich bei der Frage, wie die Betreuung zu führen ist, an den Wünschen und Vorstellungen des Betreuten zu orientieren. Wenn du also nicht gerade vor hast, dir eine Wohnung in Hamburg direkt an der Reeperbahn oder in Frankfurt/Main im Drogenviertel neben dem Hbf zu besorgen, kann dir Niemand vorschreiben, wo du zu wohnen oder dich aufzuhalten hast. Du kannst auch den ganzen Tag im Freien sitzen und dir die Sonne auf den Allerwertesten scheinen lassen. Oder den Tag bei deinem besten Kumpel verbringen und mit ihm Playstation zocken. Oder von früh bis spät durch die Stadt schlendern und schauen, was die Geschäfte so anbieten. Oder dich bei dir auf die Couch werfen und dir bis in die Nacht rein Talkshows reinziehen. Oder oder oder, um nur mal ein paar (übertriebene) Beispiele zu nennen, dass du siehst, was ich meine. Genauso kannst du frei wählen, was du essen möchtest. Wie du dich kleidest. Mit wem du dich triffst. Zu welchem Arzt du gehen möchtest. Ob du dich politisch engagierst. Oder ins Stadion gehst und dir ein Spiel deiner Lieblingsmannschaft anschaust. Und lauter solche Dinge. So etwas gehört zu deiner autonomen Lebensplanung. Das kann und darf dir Niemand wegnehmen! Solange du nicht dich und/oder Andere irgendwie gefährdest, kannst du tun, was immer du möchtest. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz, wieso du schreibst "Aber ich denke, ich darf wegen der Betreuung gar nix machen." Das ist nicht so! Niemand will dir etwas verbieten, warum auch!? Und wenn du mit einer Entscheidung deines Betreuers oder deines Vermieters nicht einverstanden bist, kontaktiere die Person und bitte um ein Gespräch, weil du es gerne anders hättest. Ich habe, und ich glaube, nicht als Einziger hier, so ein bisschen den Eindruck, du siehst so manches als Einschnitt deiner persönlichen Rechte oder als Bevormundung an. Hier im Forum beschreibst du das dann und sagst, du hast den Eindruck, du dürftest wegen der Betreuung ja nichts machen, nichts selbst entscheiden und musst sofort spuren, wenn der Betreuer (oder wer auch immer) das Kommando gibt. Natürlich helfe ich dir sehr gerne. Und ich wette, die anderen hier auch. Eben weil ich im selben Boot sitze wie du und weiß, dass es kein schönes Gefühl ist, auf Gedeih und Verderb vom Wohlwollen und vom Sachverstand eines anderen Menschen abhängig zu sein. Ich weiß aber auch, dass ich meine Rechte und Pflichten nicht verliere, die ich als Volljähriger habe, nur weil ich betreut werde. Ich bin weiterhin voll geschäftsfähig, gehe zu Wahlen, fahre Auto, treffe Freunde, vereinbare meine Arzttermine selbst etc. pp. Und wenn mir etwas gegen den Strich geht überlege ich, welche Optionen ich habe und ob es Sinn macht, gegen das Ärgernis vorzugehen.

Dominik: Ich muss allmählich mal zur Uhr schauen.


Was wir dir hier mitgeben können, sind alles nur Denk- und Handlungsanstöße und -vorschläge. Die Initiative muss aber von dir ausgehen. Du alleine kannst in deinem Leben etwas ändern. Du musst anfangen, dich mitzuteilen. Anderen sagen, was dir nicht passt und was du gut findest/gerne haben möchtest. Du musst aktiv werden. Versuche, die Dinge so zu planen, wie du sie haben möchtest. Wenn du deinem Betreuer und den Menschen um dich herum klar sagst, wo und wie du dein Leben gerne leben möchtest, hat Niemand einen Grund, dir das zu verbieten. Auch dein Betreuer nicht. Deine autonome Lebensplanung ist die Richtlinie, die für das Handeln deines Betreuers bindend ist. Über sie kann und darf er sich nicht einfach so hinwegsetzen. So steht es im BGB!



Deshalb möchte ich dich zum Schluss an die Worte von Michaela erinnern: Pack´ dein Leben an. Nimm´ dein Schicksal in die Hand und versuche, Dinge, die dir nicht passen, zu ändern.

Du kannst und du darfst mehr als du glaubst!

Herzlichst,
Ralle
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Alt 10.01.2022, 16:44   #8
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Moin Ralle


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