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gesetzliche Betreuung

 

aktuelle Arbeitssituation

Dies ist ein Beitrag zum Thema aktuelle Arbeitssituation im Unterforum Situation der Betreuer/innen , Teil der Offenes Forum gesetzliche Betreuung
Moin moin Zu den Entwicklungen bei Behörden, Banken, Krankenhäusern etc. muss ich nix mehr sagen, das haben andere schon zu ...


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Alt 04.06.2022, 12:26   #21
Admin/Berufsbetreuer
 
Benutzerbild von Imre Holocher
 
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Moin moin


Zu den Entwicklungen bei Behörden, Banken, Krankenhäusern etc. muss ich nix mehr sagen, das haben andere schon zu genüge getan.


Zu den Möglichkeiten der Selbstoptimierung auch nicht. Zu der in unserem Beruf nicht und zu der allgemein gesellschaftlich geforderten Selbstoptimierung (die läuft aktuell in extremer Form) auch nicht.



Die Möglichkeiten etwas dagegen zu unternehmen gehört auch die Investition von Mehrarbeit unsererseits: Z.B. in Betreuertreffen, Treffen mit Gerichten (RichterInnen & RechtspflegerInnen), Betreuungsstellen, Gremienarbeit (z.B. sozialpsychiatrische Verbünde, Behinderten(bei)räte), Berufsverbände, politische Kontaktpflege.


- Bei Betreuertreffen können regional anstehende Fragen besprochen werden, wie z.B. Welche Heime, Pflegedienste, BW-Anbieter passen für welche Betreuten. Wie läuft die ARbeit? Was tut sich an Gerichten oder Behörden, wie kann man damit umgehen? Oder Wie kann eine Zusammenarbeit laufen, Urlaubsvertretungen geregelt werden etc.
Aber auch: an welchen Stellen läuft etwas völlig schräg und was kann dagegen gemeinsam unternommen werden? wir müssen da nicht die "lieben BerufsbetreuerInnen" sein, sondern können auch durchaus als "Härtegang" auftreten, die gezielt Führungspersonen aus dem Renne kickt (wir haben da schon mal einen Chefarzt abgesägt oder die Schließung von gruseligen Heimen angeleiert.


- Bei Treffen mit Gerichten/Betreuungsstellen können die Möglichkeiten konstruktiver Zusammenarbeit ausgelotet werden. Das bedeutet nichts anderes als: Wie können wir uns gegenseitig die Arbeit erleichtern


- Gremienarbeit z.B. in Sozialpsychiatrischen Verbünden/Behindertenbeiräten zielt auf die Entwicklung der Angebotssituation in der Region ab. Sofern diese Gremien nicht von der Kreisverwaltung kaltgestellt sondern unterstützt werden, ist es durchaus möglich notwendige Angebote einzufordern und begründen und damit Anbieter und Kostenträger zu ködern. Klingt bisher vielleicht abstrakt, aber auf diese Weise konnte im hiesigen Revier Betreutes Wohnen speziell für Suchtkranke durchgesetzt werden.


- Berufsverbände brauchen die Rückkoppelung mit den BetreuerInnen, weil sie sonst ihre ureigene Aufgabe - eben diese zu vertreten - gar nicht wahrnehmen können. Wer einfach nur schimpft, dass diese Saftläden doch nur Sch... bauen und gleichzeitig keinen Finger krumm für sie krümmt, braucht sich nicht wundern, wenn die Sch... über bzw. auf ihm oder ihr runterkommt.



Und was uns selber betrifft:
Natürlich hat jede/r einen Anspruch an sich selbst und seine/ihre Arbeit insbesondere gegenüber den Betreuten. Und genauso natürlich wollen wir die Betreuten am allerwenigsten enttäuschen, bzw. Abstriche an unseren Ansprüchen gegenüber unseren Betreuten machen. Das muss aber auch nicht sein.
Eine ähnliche Situation hat es schon 2004/05 gegeben, als die Vergütung auf die Pauschale umgestellt wurde.

Es gab (und gibt leider immer noch) eine ganze Reihe von BetreuerInnen, die nach altem Vormundschaftsmuster eine große Anzahl an Betreuten hatten, die eigentlich nach wie vor nur verwaltet wurden. Die haben sich mit der Pauschale gesundgestoßen. Die meine ich aber nicht.
Gemeint sind diejenigen BetreuerInnen, die damals den Schwerpunkt auf Menschen mit psychischen Erkrankungen hatten und die relativ leichten Altersheimfälle anderen überlassen hatten. Da kam man mit einer geringen Anzahl von Betreuten auf ausreichend zu vergütende Arbeitsstunden. Mit der Pauschale nicht mehr.

Konsequenz:
Es mußten viele Arbeiten an Heime oder Betreutes Wohnen delegiert werden, vielfach konnten psychische Krisen nicht mehr aufgefangen werden, was zu mehr Krankenhausaufenthalten geführt hat. Eine Berechnung hatte damals ergeben, dass etwa 1/3 der von BBs Betreuten nicht mehr in ihren Wohnungen gehalten werden kann und in Heime oder BW wechseln müssen und jede/r psychisch kranke Betreute durchschnittlich 21 Tage pro Jahr mehr im Krankenhaus sein muß. (Diese damalige Prognose ist in etwa auch so eingetroffen)
Des weiteren mußte jede/r BetreuerIn auf seine/ihre Betreutenstruktur achten und eine Mischung von schweren und weniger arbeitsaufwändigen Betreuungen haben. Sonst war im Arbeitsaufwand Springtide und auf dem Konto Ebbe.
Viele KollegInnen haben damals deshalb auch den Job gewechselt.


Das selbe Drama haben wir im Prinzip auch jetzt:
Wie weit und gut können wir unsere eigene Arbeit erledigen und gleichzeitig dabei noch in die eigenen Augen sehen?
Geht das über Veränderungen oder Abstriche?
Wo haben wir bzw. jede/r für sich die eigene/n Grenze/n?
Was ist einesjeden Maß dafür, dass es ihm/ihr gut geht, denn: Nur wenn es mir auch (damit) gut geht, kann ich gute Ergebnisse liefern.


Und dann:
Wir sind nicht die "Berufsguten" für andere und sollten unsere eigene, persönliche Situation deutlich mehr vertreten und dafür gelegentlich auch mal "die Sau rauslassen".

Wo finden wir Verbündete, mit denen wir uns für gemeinsame Interessen einsetzen können?



Das hat alles mit mehr Arbeit zu tun, die auch früher schon nicht vergütet worden wäre. Aber der Aufwand lohnt sich, weil damit Beziehungen geknüpft werden, die Angebotslandschaft aufgebessert werden kann, und mittel- bis langfristig auch die Betreuungsarbeit einfacher wird.

Ganz abgesehen davon erarbeitet man sich damit durchaus Ansehen und einen guten Ruf, der der Arbeit sicherlich nicht abträglich ist.


MfG
Imre
__________________
Fehler sind dazu da, um sie zu machen
und daraus zu lernen.
Fehler sind nicht dazu da, sie dauernd zu wiederholen.
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Alt 05.06.2022, 07:07   #22
Admin/ Berufsbetreuerin, Dipl.Pädagogin,
 
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Moin Imre, du hast das frühere Arbeiten gut zusammengefasst und auch das, was damals noch möglich war gut und deutlich beschrieben.
Ist das auch im Heir und Jetzt noch so? Meiner Ansicht und praktischen Erfahrung nach eher Nein.


Zitat:
Das selbe Drama haben wir im Prinzip auch jetzt:
Meiner Ansicht nach leider nicht (mehr).
Es gibt, uns umgebend bis umzingelnd, nämlich scheinbar keine Möglichkeiten der Veränderung mehr wenn man
- 3 Wochen vergebliche Suche nach einem Hausarzt
- Wartezeiten von bis zu 3 Monaten auf einen Facharzttermin
- 4 Wochen Wartezeit auf eine dringend benötigte Klinikaufnahme
- eine Zeitverkürzung auf ca 5 Minuten auf PIA Gespräch
- monatelanges Dümpeln auf Einrichtungswartelisten
- bei 29 wöchentlichen Anträgen auf eine Betreuung
- täglich ca. 1 1/2 Stungen Zubringen in telefonischen Warteschleifen
hinter sich bringen muss um überhaupt arbeiten zu könne oder zu dürfen.

Da sind alle Gespräche, die ja eine Änderung erbringen sollen, absolut sinnlos bzw. eigentlich nur noch Zeitverschwendung für alle Beteiligten.
Ich kann mich noch so gut mit dem Oberarzt der Akutpsychiatrie verstehen- das zaubert nicht ein einziges weiteres Bett auf den sowieso schon überfüllten Flur.

Zitat:
Bei Treffen mit Gerichten/Betreuungsstellen können die Möglichkeiten konstruktiver Zusammenarbeit ausgelotet werden. Das bedeutet nichts anderes als: Wie können wir uns gegenseitig die Arbeit erleichtern
Es geht schon lange nicht mehr um Erleicheterung sondern nur noch darum, (scheinbar) wie ist die Arbeit überhaupt noch zu schaffen?

Eigentlich wohl nur damit, das man dem anderen keine Zeit klaut.

Zitat:
ist es durchaus möglich notwendige Angebote einzufordern und begründen und damit Anbieter und Kostenträger zu ködern.
Wie das denn wenn die kassenärztliche Vereingung oder der LWV gleichzweitig verlauten lässt, die Region sei mit Angeboten "überdeckt"?

Ja, jetzt kommt bestimt, dann gehe ich "die Politik" und ändere das dort, da kommts her. Mag sein das es daher kommt aber eine Lösung stellt auch das nicht dar.
Weder bin ich haltloser Pessimist noch Anhänger einer Weltverschwörung aber wenn ich mir das ganze böse Spiel von aussen anschaue, dann weiss ich auch nicht mehr weiter.

Da nützt mir eine Reform mit weiteren Forderungen nach einem "Mehr" auch nichts mehr, in der Überschau kann ich das eigentlich nur als Frechheit empfinden und Beschäftigungs- und Bewältigungsstrategie von was auch immer. S.o.
So löblich und sinnvoll die Bemühungen für sich gesehen auch sind.
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Alt 05.06.2022, 09:53   #23
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Beiträge: 78
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...und ich sehe noch darüber hinaus sehr große Probleme in Kürze auf uns zukommen bzgl. der hohen Energiepreise und Inflation.

Mir graut bei der Vorstellung, dass etliche meiner in eigener Wohnung lebenden Betreuten, die sowieso schon arm leben müssen (obwohl täglich berufstätig in WfbM) nun noch viel knapper leben müssen...

Insbesondere die noch nicht kalkulierbaren Energiekosten hängen wie ein Damoklesschwert über unserer Arbeit. Da wird m. E. erhebliches an Mehraufwand auf uns zukommen: Antragstellungen, neue Finanzpläne, Ringen mit den Betreuten in der Zuteilung der Finanzen, damit nicht nach dem Aufbrauchen des monatlichen Budgets noch zu viel Monat übrig ist...

Diese Zukunftsausblicke machen mir echt zusätzlich und wirklich Angst.

Allen ein schönes Pfingstwochenende
Donna
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Alt 05.06.2022, 11:03   #24
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Zitat:
Zitat von michaela mohr Beitrag anzeigen
Moin Imre, du hast das frühere Arbeiten gut zusammengefasst und auch das, was damals noch möglich war gut und deutlich beschrieben.
Ist das auch im Hier und Jetzt noch so? Meiner Ansicht und praktischen Erfahrung nach eher Nein.
So löblich und sinnvoll die Bemühungen für sich gesehen auch sind.
Hallo Michaela, das was du als damals bezeichnest, dürfte bei den meisten und meisten Situationen immer noch so sein. Noch ist nicht überall die gesamte Infrastruktur zusammengebrochen. Offenbar sind bei deiner Umgebung mehrere besonders negative Faktoren zusammen gekommen. Ich will hier nichts schönreden, aber du bist hier doch ein wenig fatalistisch.
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Mit vielen Grüßen
Horst Deinert

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Alt 05.06.2022, 18:40   #25
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Hallo Horst, bei allem Respekt........ ich habe die Dinge evtl. etwas ausführlicher geschildert wie andere hier aber wenn es dafür auch von einzelnen anderen Bestätigungen gibt? Und sei es durch kurze Erwähnungen in anderen Forumsbereichen.
Welche Bedeutung hätte das dann?

Wenn die kassenärztliche Vereingung sowie der LWV eine sog. "Überdeckung" an ärztlicher Versorgung feststellen dann gilt das für das jeweilige gesamte Bundesland. Wie sich solche Berechnungen anstellen lassen ist mir schleierhaft aber interessiert mich auch nicht.
Die absolut selbe kassenärztliche Vereinigung die auf der einen Seite von Überdeckung schreibt antwortet auf konkrete Nachfragen nach einem Hausarzt, das Problem der fehlenden Hausärzte ist uns bekannt, wir bedauern hier nicht weiterhelfen zu können. Noch Fragen dazu?



Das was ich geschildert habe ist nicht fatalistisch sondern nur real.
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Alt 06.06.2022, 12:40   #26
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Hallo Michaela, manchmal willst du mich falschverstehen? Ich habe doch nicht gesagt, dass das richt real ist. Manchmal kommt eben alles an Sch…. zusammen - und wenn das sich wiederholt, dann kann das ein Zeichen von strukturellem Versagen all der Institutionen um uns herum sein, aber ganz so wahrscheinlich ist das eher nur das Zusammentreffen blöder Zufälle: ungeeignete Vorgesetzte, die ihre Mitarbeiter demotivieren, die wiederum die innere Kündigung vollziehen, ihren Frust am falschen Objekt (zB den Betreuern, die sie „nerven“,) ablassen, weiterhin dauerkrank sind, dann sind Stellen offen, die lang nicht wiederbesetzt sind und letztlich versuchen nur noch die Übrig gebliebenen, Dienst nach Vorschrift zu machen. Das ist die Sache mit dem Flügelschlag des Schmetterlings.

Ändert sich das Leitungspersonal, kommt da jemand Engagiertes, kann die Entwicklung anders verlaufen; die Leute sind motiviert, auf freie Stellen bewerben sich Leute allein aufgrund der Mundpropaganda. Und als Außenstehender wundert man sich, dass alles so reibungslos läuft.

Ich habe beide Extreme zur Genüge kennen gelernt. Wahrscheinlich erlebst du gerade Ersteres. Das tut mir wirklich leid - und kann nur hoffen, dass das wieder umschlägt.
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Mit vielen Grüßen
Horst Deinert

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Alt 06.06.2022, 14:51   #27
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Hallo Horst,
fehlende freie Klinikbetten, fehlende Hausärzte, monatelange Wartelisten usw. usw. - im Grund alles was ich aufgezählt habe liegen nicht in einer unfähigen Leitung begründet.
Auch der fähigste Klinikchef kann keine Berge versetzen, sprich Stationen vergrössern.

Ich stelle die beiden Sachverhalte nicht konträr gegenüber. Beide, Qualifizierung wie auch strukturelle Defizite kann und sollte man nicht gegeneinander ausspielen. Es sind aber beide Teile der Medaille dringend betrachtenswert- nicht nur eine.


Ein gern genommenes Beispiel, die Pflege. Was hat sich denn in diesem Bereich- obwohl die Defizite und deren Folgen- sowas von klar auf der Hand lagen konkret geändert/verbessert?
Die dortige Verbesserungen, nämlich mehr Zeit für die Patienten und vor allem endlich angemessene Bezahlung, wurden monatelang rauf und runterdiskutiert. Ergebnis: Leiharbeiter und teilweise der Abzug von "Normal- Pflegern" für die Akutstation.

Es liegt nicht jeder Hund am Versagen einzelner begraben.

In ihrer zunehmenden Häufung (die wir gerade im Forum gut nachlesen können) halte ich ich sie auch nicht für regional bedingt.
Es sind strukturelle Defizite die zunehmen, allüberall.

Die Hoffnung, dass sich still was ändern wird habe ich leider nicht. Ich werde Abstriche beim Arbeiten machen müssen, bei mir wird es so wie es jetzt aussieht dabei um die Kontakte gehen. So leid es mir tut.
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michaela mohr ist offline  
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Alt 07.06.2022, 12:32   #28
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Hallo,

ich war gerade auf der Netzwerktagung in Bingen zum neuen Betreuungsrecht, interessant wars. In erster Linie ist bei mir hängengeblieben, dass wohl wir Betreuer die heilige Schrift unter das Volk bringen werden müssen... Ich begrüße die lange notwedige Reform ausdrücklich, die Auswirkungen in meiner Arbeit sind nicht so gravierend, da ich grundsätzlich die Wünsche der Betreuten als Handlungsrichtschnur betrachte... dies aber dem Helfersystem / Gesundheitssystem beizubringen war in den Jahren wenig erfolgreich und raubt mir den letzten Nerv.

Der von Michaela geschilderte Trend ist auch hier in Berlin unübersehbar... das ist nicht nur gefühlt...
Ich denke, wir erleben hier den Beginn des Generationswechsel der Babyboomer und die Verweigerung der Gesellschaft dem Rechnung zu tragen... jede Reform wird auf das bestehende System aufgepfropft, statt mal auszumisten und wirklich grundlegend zu reformieren... regelmäßig wird im Ergebnis nicht mal die Intention erfüllt, geschweige denn evaluiert und angepasst... (Datenschutz, BTHG, Rentenreform, etc).

In den Verwaltungen und den großen sozialen Trägern findet ein regelrechter Braindrain statt, weil die Arbeitgeber ihre Angestellten wirklich schlecht behandeln und Nachwuchs ist kaum in Sicht.

Ich kann mich an keinen einzigen Verwaltungsakt in den letzten Jahren erinnern, der einfacher geworden wäre, ganz im Gegenteil und das bei immer mehr unbesetzten Stellen in allen Bereichen.
Das BTHG hat aber auch nicht mal ansatzweise irgendetwas im Sinne unserer Klienten verbessert (ist in der Umsetzung vielleicht woanders besser, hier ist es in erster Linie ein So-Tun-Als-Ob)...

Wir (die BRD) halten weiterhin fest an unfassbar teuren "Parallel-Welten" für beeinträchtigte Menschen, statt echte Integration zu anzugehen... die Träger erfüllen oft nicht mal ansatzweise ihr Aufgaben (Bsp. Eingliederungshilfe) und werden auch nicht kontrolliert/sanktioniert.

Mein Eindruck ist, dass oft wir, die Betreuer, als Einzige überhaupt einen Überblick übers System haben, aber oft nur begrenzt wirksam sein können im Kampf David gegen Goliath...

Ich stelle mir schon die Frage, ob ich mir das weiterhin leisten kann rechtlicher Betreuer zu sein, unter finanziellen und Belastungsgesichtspunkten.

Ich werde mich auf jeden Fall breiter aufstellen, Verfahrenspflegschaften, Nachlasspflegschaften... und schauen, ob rechtliche Betreuungen das Kerngeschäft unter diesen Bedingen bleiben werden.

Am Ende ist das hier gerade eine Übergangszeit, bis grundlegende Reformen wirklich angegangen werden, weil es einfach nicht mehr anders geht und dann wirds besser (optimistischer Ansatz), leider trifft es die "Armen und Benachteiligten" immer am härtesten...

Bei allem Engagement muss jeder für sich einen Weg finden, ein lebenswertes Leben zuführen und es ist man Ende doch nur ein Job...

Viele Grüße und Danke an alle, die soviel Verantwortung für fremde Menschen auf sich nehmen, jeden Tag aus Neue!

steffi-jan
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Alt 23.06.2022, 16:09   #29
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Ich kann Michaela Mohr und steffi-jan uneingeschränkt zustimmen! Dies hat bei mir dazu geführt, dass ich nunmehr nach 25 Jahren Berufs Betreuerin den Job an den Nagel gehängt habe! Nie hätte ich vermutet, dass ich dies machen würde, weil ich den Job immer gerne gemacht habe - ich war über mich selbst überrascht!
Es gab viele Faktoren, welche Michaela schon beschrieben hat, hinzukam, dass ich in den letzten zwei Jahren den Eindruck hatte, alles doppelt und dreifach machen zu müssen, weil so manche Institution mit Homeoffice offensichtlich nicht in der Lage waren, ihre Plörren von A nach B zu bringen, in der Betreuungsstelle nunmehr junge Pädagogen mit toxischem Selbstbewusstsein sitzen, sich in Betreuungen einmischen und somit zu noch mehr Caos führen, das Gericht monatelang keine Vergütungen festsetzt, so dass suggestiv alle Rücklagen für Büro, Angestellte, KV etc. aufgebraucht wird, Kommunikation mit Gericht kaum noch möglich ist.......die Liste könnte ich ewig weiter führen!
So schnell haut mich nichts aus den Schuhen, aber eines Tages saß ich vorm PC und ich stellte fest, dass es mir davor graute die Emails zu öffnen, weil ich wusste, neben der zweistelligen Papierpost würde mich Ähnliches digital erreichen, wie zb Heimverträge mit 45 Seiten, die man ausdrucken muss,......Zeit Fresser ohne Ende! Da habe ich beschlossen....Schluss, das mache ich nicht mehr!
Ich gehöre zur Generation der ersten Berufsbetreuer, es ist klar, dass es immer wieder Veränderung, Reformen gab, auch dass es mal schwierige Zeiten gab, aber immer lebte ich mit dem Wissen, das steht man durch, geht auch wieder vorbei! Allerdings in den letzten 3 Jahren hatte und habe ich den Eindruck, das geht nicht vorbei, es wird immer schlimmer!
Ich habe meinen Entschluss nicht bereut, es hat sogar so weit geführt, dass ich mittlerweile sage, ich werde nicht mehr im sozialen Bereich arbeiten, insgesamt 35 Jahre Dienst am Menschen reicht locker für zwei Leben!
Letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden, wenn ich allerdings Landkreise sehe, die auf ihrer Homepage händeringend nach Berufsbetreuern suchen, dann bin ich wohl nicht die Einzige, die solch einen Entschluss gefasst hat!
pepperprincess ist offline  
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Alt 23.06.2022, 23:52   #30
Held der Arbeit
 
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Hallo in die Runde,
eine spannende Diskussion läuft hier wie ich finde, auch im Hinblick auf die bevorstehenden Veränderungen ab dem nächsten Jahr. Die Frage bleibt: Was soll all das bedeuten..?


Zitat:
Zitat von michaela mohr Beitrag anzeigen
[...]Es sind strukturelle Defizite die zunehmen, allüberall.
Ja, so ist es wohl, denke ich auch, leider.


Nur: Sind es denn tatsächlich Defizite oder ist es eine langfristige Entwicklung, die dem kritischen Beobachter immer (jedenfalls latent) präsent war? Also nicht defizitär, sondern im Gegenteil "zielerreichend"? Eben je nach Perspektive

Weg vom Wohlfahrtstaat und hin zur Sicherheitsgesellschaft, in der die Wohlfahrt immer mehr nur noch Mittel zum Zweck wird. Der Zweck dabei lautet Abgrenzung. Eine upper class, die sich zunehmend ihren Raum verschafft (und sich diesen sichert = in einem modifizierten Sinne "Sicherheitsgesellschaft") und dafür Menschen (Unterschicht) braucht, die eben schlechter dastehen?

Ein leistungsfähiger und funktionierender Sozialstaat bedeutet eben auch immer verschwimmende Klassengrenzen. Aber gut, das führt zu weit, jetzt war ich wohl fatalistisch..?

Aber die Gedanken konnte ich mir nun gerade, als ich mal wieder ein wenig Zeit fürs Forum habe, nicht verkneifen. Hoffentlich werden mich (und uns) die nächsten Jahre insofern Lügen strafen! Ich befüchte allerdings, so wird es nicht sein.

Zitat:
Zitat von michaela mohr Beitrag anzeigen
Ich werde Abstriche beim Arbeiten machen müssen, bei mir wird es so wie es jetzt aussieht dabei um die Kontakte gehen. So leid es mir tut.
Wenn es wirklich, wie Du schriebst, eine Systemfrage ist (ich denke ja), wird das (Veränderungen der Betreuungsarbeit) ein Baustein von vielen sein, der ein neues Gesellschaftssystem (m.E. mit einem deutlich weniger humanistischen Menschenbild) schaffen wird. Auch wenn Tesla, Google usw. usf. uns Anderes weismachen wollen...Sicherlich ist vieles "Neue" praktisch, innovativ, sorgt für Erleichterungen (jedenfalls vordergründig und scheinbar), keine Frage. Wie immer wird jedoch naturgemäß erst die Zeit zeigen, ob hinter alledem wirklich noch ein Menschenbild wie wir es kennen, kannten und schätzten, stehen wird.

Kurzum: Die Gretchenfrage ist auch, ob wir, wenn wir beispielsweise (notgedrungen) weniger intensiv, anders, wie auch immer arbeiten, nicht eben gerade dieses "Neue" befördern. Andererseits:Was bleibt uns anderes übrig?

Einige hier schrieben, wie ich meine richtigerweise, von Optimierung von Arbeitsabläufen usw. Nur haben auch diese Optimierungen Grenzen. Immer vorausgesetzt es handelt sich bei alledem tatsächlich um die große Systemfrage...
Aber was ist mit dem neuen Betreuungsrecht mit all seinen (scheinbar?) klientenzentrierten Änderungen? Alles nur Makulatur? Potemkinsch und eigentlich steht ein ganz anderes Ziel dahinter, das Ziel der Mächtigen? Nur welches? Etwa Kontrolle statt Inklusion, Gleichheit und Humanität? Könnte schon so sein, oder?

Und irgendwie hat @steffi-jan (leider) wohl Recht: "[...]es ist man Ende doch nur ein Job..." Und wir sind die kleinen Player, die ihn machen. Wir sollten unsere Grenzen kennen, fürs große Ganze sollten wir uns alle unbedingt in den Berufsverbänden sammeln! Auch im Sinne unserer KlientInnen.

@Michaela Mohr: Du schriebst w.o. interessanterweise von der Definition vom "Kriminellen" im Kontext einer (gefühlten?) Zunahme von amokartigen Delikten in der jüngeren Vergangenheit. Den Eindruck (Häufung) kann ich bestätigen, zudem auch eine oftmals (zumindest so medial kommunizierte) krankheitsbedingte Ursache dieser Taten.

Kriminologisch sind Deine Gedanken total spannend! Die Definition "was/wer ist krank" (denn: "Kranke" bestraft man nicht; das wäre, jedenfalls vor einem humanistischen Menschenbild unlauter) und was/wer ist kriminell (soll also folgerichtig bestraft und gewissermaßen für die Gesellschaft "unsichtbar" gemacht werden) ist dabei zentral. Ich befürchte, dass macht "Macht" so, wie sie es gerade braucht. Mal braucht man mehr Kranke, Betreute...(Wohlfahrtstaat) und mal (ich befürchte gerade wieder und auch in absehbarer Zukunft) mehr Abweichler, Schuldige, eben "Kriminelle".
Nur so am Rande zu Deinen Anmerkungen dazu w.o. Jedenfalls spannend und viel bedeutsamer fürs Ganze, als meine paar Zeilen dazu...

Viele Grüße von Florian
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