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Zahlen, Daten, Fakten für Gründungswillige (wg. Businessplanung)

Dies ist ein Beitrag zum Thema Zahlen, Daten, Fakten für Gründungswillige (wg. Businessplanung) im Unterforum Situation der Betreuer/innen , Teil der Offenes Forum gesetzliche Betreuung
Guten Tag an jene, die sich überlegen, als Berufsbetreuer*in zu gründen, am Anfang stellt man sich ja viele Fragen, welche ...


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Alt 28.12.2022, 22:31   #1
Mayla
Gast
 
Beiträge: n/a
Standard Zahlen, Daten, Fakten für Gründungswillige (wg. Businessplanung)

Guten Tag an jene, die sich überlegen, als Berufsbetreuer*in zu gründen,

am Anfang stellt man sich ja viele Fragen, welche Kosten auf einen zukommen und da ich selbst zur Jahresmitte vor diesen Fragen stand, möchte ich heute zum Jahresende nach Abschluss desselben meine Erfahrungswerte weiter geben. Ich denke, dass diese eine Orientierung darstellen können.

Wichtig: Das ist völlig subjektiv und kann bei jedem anders aussehen. Es hängt davon ab, mit welcher Software man arbeitet, ob man ein Büro anmieten muss etc. pp.
Dennoch als kleine Orientierung für Gründungswillige:

In 2022 habe ich für die ersten 4,5 Monate ab Gewerbeanmeldung folgende Kosten bei bis zu 7 Betreuten (Erste Betreuungsbestellung vor 2,5 Monaten / alle im Umkreis von max. 30 km/ teilweise zuhause, teilweise stationär / Altfälle nach Betreuerwechsel und Fälle mit erstmaliger Betreuung gemischt) gehabt:
Raumkosten (anteilig für Homeoffice) 414,83 €
Geschenke 20,35 €
Bewirtungsaufwendungen 10,50 €
Aufwendungen für Telekommunikation (z. B. Mobil, Internet, Festnetz) 288,87 €
Fortbildungskosten 579,00 €
Kosten für Rechts- und Steuerberatung, Buchführung 40,45 €
Beiträge, Gebühren, Abgaben und Versicherungen (ohne solche für Gebäude und Kraftfahrzeuge) 717,81 €
Laufende EDV-Kosten (vor allem Lizenzen) 532,87 EUR
Arbeitsmittel (z. B. Bürobedarf, Porto, Fachliteratur) 1.331,47 €
Fahrtkosten für nicht zum Betriebsvermögen gehörende Fahrzeuge (Nutzungseinlage) - Kilometerpauschale 606,48 €
Übernachtungs- und Reisenebenkosten bei Geschäftsreisen des Steuerpflichtigen 11,40 €
Summe Ausgaben 4554,03 EUR
Summe Einnahmen Noch keine, da die erste Vergütungsabrechnung erst nach drei Monaten in 2023 möglich ist.
Denkt daran, wenn ihr euch überlegt zu gründen: Die Lebenshaltungskosten für eure Miete, Essen, etc. pp (das normale Leben) gehen extra und wenn ihr direkt Vollzeit gründet, braucht ihr entweder Eigenkapital oder andere Geldquellen.

Ihr könnt ggfs. einen Gründerzuschuss beantragen – aber je nach Höhe wird der fast komplett durch Sozialversicherungsbeiträge (freiwillige gesetzliche KV, z.B. halber Regelbeitrag RV, Arbeitslosenversicherung) aufgefressen. Dann kann man noch für sich selbst Wohngeld beantragen.
Man kann wirklich – wie es hier auch an verschiedenen Stellen zu lesen ist – nicht mehr als 2-3 Betreute pro Monat annehmen, ohne einfach „zu viel“ zu kriegen. Gut, auch das ist subjektiv – aber diese Kennzahl ist schon ganz sinnvoll.

Ich gebe gerne in ein paar Monaten wieder ein Update. Vor der Gründung habe ich hier auch intensiv nach Erfahrungsberichten gesucht und gerade was das Thema „Aufwendungen“ angeht, haben mir manchmal konkretere Zahlen gefehlt – deswegen möchte ich hiermit kommenden Gründungswilligen etwas zurückgeben.
Wie gesagt – die tatsächlichen Zahlen unterliegen diversen Einflussgrößen (also alles ohne Gewähr).

Zum Thema "Zeitaufwand" - in den ganzen Monaten habe ich trotz dessen, dass ich bisher nur 7 Betreute habe immer 40h/Woche aufwärts gearbeitet.
Es ist nicht zu unterschätzen, was man an Dokumentationsaufwand/ Notwendigkeit zum Lernen/ Anpassung der eigenen Software / Organisation des Büros / Buchhaltung etc. an Nebenaufgaben zu den eigentlichen Betreuungen hat.

Richtig bewährt hat sich, dass ich schon gleich am Anfang einen Kontakt zu einem "alten Hasen" gesucht und gefunden habe und von ihm viel Hintergrund-Know-how (warum ist was wie) und Gelegenheit zur Reflexion der eigenen ersten Schritte bekomme.

Auch das Forum ist eine der top Ressourcen für mich im Rahmen der Gründung (vorher und jetzt ab dem ersten Jahr).

Aus heutiger Sicht wünsche ich mir schneller als gedacht extra Büroräumlichkeiten. Das wird zwar erstmal ein Traum bleiben, aber ich hätte nicht gedacht, dass es mir so schnell als wichtig vorkommen würde. Dabei geht`s mir subjektiv um mehr Platz und um die einfachere Trennung des Privat- und Berufslebens.

Empfehlenswert finde ich, direkt von Anfang an ein separates Diensthandy zu nutzen, vor dem ersten Fall die Software auf dem Rechner zu haben und gleich damit zu arbeiten, die vorbereitende Buchhaltung für den Steuerberater oder für sich selber bzgl. der Strukturierung klar zu haben und Rechnungen von Anfang an entsprechend abzulegen.

Würd ich wieder als Berufsbetreuerin gründen?
Diese Frage kann ich leider nicht mehr klar mit "ja" beantworten, sondern nur noch mit "kommt auf".
Gründe dafür sind: "Fax- oder Briefpost-Kommunikation" mit den Gerichten; mangelhafte Privatsphäre wenn die Privatadresse von Gerichten in den Ausweis geschrieben wird; dass man möglichst wenig gegenüber den Gerichten hinterfragen sollte; dass die Arbeit viel mehr ist, als die Pauschalen bisher abbilden; dass Pflegeheime und Krankenhäuser Aufgaben auf einem ablegen wollen, die nicht zu den eigenen Aufgaben gehören; fehlende Planbarkeit bzgl. der Zusammenstellung der Betreuten vor allem in Bezug auf die Zeiträume der tatsächlichen Bestellung; dass man vielem hinterherlaufen muss (z.B. dem Betreuerausweis); zu wenig Rückhalt von der Betreuungsbehörde (distanziertes statt herzliches Verhältnis); formelle, irritierende Sprache der Gerichte in Anschreiben.

Soll jetzt bitte nicht negativ klingen - ich bin durchaus motiviert - mein Ziel mit dem Beitrag ist nur, Interessenten mehr subjektive Hintergrundinformationen für die eigenen Abwägungen in der Entscheidungsfindungsphase über die Gründungsoption zu geben.

Fazit im Monat 4 nach der Gründung: Habe es mir einfacher vorgestellt, hoffe ich kriege es hin. Ein Selbstläufer ist es nicht.

Eine Frage die mich in dieser Arbeit noch mehr als in anderen sozialen Berufen begleitet, ist die tägliche Abwägung zwischen "persönlichem Einsatz", "Anspruch" und "Wirklichkeit".
 
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Alt 28.12.2022, 23:02   #2
Moderator
 
Benutzerbild von HorstD
 
Registriert seit: 24.03.2005
Ort: Duisburg, Ruhrgebiet, NRW
Beiträge: 4,566
Standard

Und allen Berufsanfängern empfehle ich dringend das Buch von Jürgen Thar: Das Betreuerbüro: die 3. Auflage erscheint in diesen Monaten; Vorbestellung ist schon möglich: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASI...ternetsevon-21

Ich habe die vorige Auflage. Ist Pflichtlektüre. Der Autor ist seit Anbeginn des Betreuungsrechtes dabei und schildert absolut praxisnah, was zu beachten ist.
__________________
Mit vielen Grüßen
Horst Deinert

Weitere Infos:

https://www.lexikon-betreuungsrecht.de
HorstD ist offline  
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Alt 29.12.2022, 10:28   #3
Routinier
 
Benutzerbild von mimi91
 
Registriert seit: 17.07.2015
Ort: RLP
Beiträge: 1,012
Standard

Du hast dir mit deiner Aufstellung super viel und vor allem professionell Arbeit gemacht. Ich bin zwar nicht Anfängerin, daher nicht betroffen, trotzdem vielen Dank dafür!


zu deinem Fazit:


Du hast einen hohen Anspruch an dich und deine Arbeit. Auch das ist im Sinne unserer Betreuten wichtig, aber eben auch deine persönliche Work-Life-Balance, auf die du achten musst.

Dass du das "hinbekommst", daran habe ich keine Zweifel.


Viel Glück für 2023!
mimi91 ist offline  
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Alt 29.12.2022, 17:57   #4
Mayla
Gast
 
Beiträge: n/a
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Hallo Horst und Mimi,

danke für den Buchtipp und das nette Feedback.

Allen Forumsteilnehmer*innen wünsche ich auch einen angenehmen Jahreswechsel.
 
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Alt 20.01.2023, 00:15   #5
Mayla
Gast
 
Beiträge: n/a
Standard Statistik - Zeit von der Anfrage bis zur Bestellung

Liebe Gründungswillige,

heute kann ich Euch vielleicht noch etwas hilfreiches für Eure Businesspläne der Zukunft mit an die Hand geben. Eine kleine nicht repräsentative Statistik über die Zeiträume, die bei mir zwischen dem Zeitpunkt der Anfragen/Betreuungsübernahmezusagen und dem Zeitpunkt der Bestellung bzw. dem Posteingang des Betreuerinnenausweises lagen.

Ihr findet diese "Ministatistik" am Ende des Beitrags als pdf-Anhang.

Man kann daraus ablesen, dass die Erstellung eines Businessplans schwer ist, weil die Zeiträume zwischen Anfrage und Bestellung bzw. zwischen Anfrage und Eingang Betreuerinnenausweis stark auseinandergehen und keine wirkliche Planbarkeit vorhanden ist.

Man sieht auch, dass zwischen dem Tag der Bestellung und dem Eingang des Ausweises auch mal 4-5 Wochen liegen können.

Ich wurde bei 10 Betreuungen mit Zeiträumen zwischen 0,4 Wochen und 14,29 Wochen seit meiner Zusage zur Betreuungsübernahme bestellt und habe zwischen 2 und 15,57 Wochen auf den Betreuerinnenausweis gewartet.

Ich weiß nicht, ob dies für andere Gründerinnen weniger ein Problem ist. Für mich ist das ein nervenaufreibendes Thema, dass die Planbarkeit derartig miserabel ist.

Dazu kommt die schlechte Planbarkeit bzgl. der jeweiligen Einstufung der künftigen Betreuten in der Vergütungsordnung. Je nachdem, ob man für Übernahmen oder Neufälle angefragt wird (für Vermögende oder Mittellose, Heimbewohner oder Leute in eigener Wohnung), ist das Honorar auch mal dreimal größer oder kleiner als geplant. Die Durchschnittswerte, die ich vom ipb im Rahmen der Existenzgründung für den Businessplan bekommen habe, sind eben nur Schätzwerte.

Die Realität der Gründung als Berufsbetreuerin ist, dass man im Nebel stochert. Ich finde, dass hier dringend Kennzahlen vom Gesetzgeber definiert werden sollten. Zielgrößen. Anfrage - Bestellung - Sollzeitraum für die Rückmeldung an Betreuten und Betreuer in xy Wochen (sonst Begründung vom Gericht). Das wäre ein Qualitätsmerkmal und würde auch die Nachwuchssicherung mittelfristig erleichtern.

Denn mal ehrlich - in welchem Business muss man sein Leistungsangebot mehr als 14 Tage aufrecht halten, Ressourcen blocken und dann riskieren, dass man doch nicht bestellt wird?

Vielleicht hilft es jemandem.
Angehängte Dateien
Dateityp: pdf 20230119_Ministatistik.pdf‎ (105.9 KB, 20x aufgerufen)

Geändert von Mayla (20.01.2023 um 00:34 Uhr)
 
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Alt 20.01.2023, 11:07   #6
Einsteiger
 
Registriert seit: 16.01.2023
Ort: Baden-Württemberg
Beiträge: 16
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Hallo Mayla,


vielen Dank für deinen Interessanten Beitrag.



Ich stehe auch in den Startlöchern und mache mir über diese Dinge gedanken. Derzeit warte ich noch auf meine Registrierung, was reine Formsache ist. Gestern wurde ich von meiner Betreungsbehörde zu einem "Eignungsgespräch" eingeladen, welches mich ein wenig Verwirrt hat. Er bagann das Gespräch damit, dass es für dieses keine rechtliche Grundlage gäbe aber er mir gerne ein paar Fragen stellen würde und mir ein wenig zu der Bereufsbetreung erläutern möchte. Darauf folgte ein 20 minütiger Vortrag, wie schwer und undankbar diese Tätigkeit sei, dass er diesen Job selbst niemals machen würde etc. Er hörte erst auf als ich ihn unterbrach in dem ich sagte: "in dieser Region werden händeringend Berufsbetreuer gesucht, Sie sollten aufhören potenziellen Nachwuchs zu verschrecken." Daraufhin erklärte ich ihm, dass ich mich durchaus bereits über die groben Aufgaben informiert habe, selbst Jahrelang als Sozialarbeiterin tätig bin und im familiären Umfeld eine ehrenamtliche Betreuung hatte...



Ich bin ein wenig abgeschweift. Was mich ein wenig ärgert ist, dass man wohl händeringend Berufsbetreuer sucht. Wieso erleichtert man dann Neulingen nicht den Start zumindest finanziell. Ich meine ich soll einen schweren Job machen, wo ich mitunter monatelang auf meine Vergütung warten muss, die ich frühstens drei Monate nach Beginn der Tätigkeit beantragen darf, muss mir im Zweifel Dienstgegenstände kaufen, usw. und soll das alles aus eigener Tasche bezahlen. Ein zinsfreies Startkapital, dass man mit den ersten Vergütungen zurückbezahlt, wäre super.



Liebe Grüße
Bledi
Bledi_DZ ist offline  
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Alt 20.01.2023, 11:19   #7
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Beiträge: 4,566
Standard

Hallo Bledi, die Rechtsgrundlage für das Eignungsgespräch ist § 24 Abs. 2 BtoG iVm § 12 BtRegV. Nur die genauen Gesprächsinhalte sind natürlich nicht festgelegt. Es macht aber Sinn, besondere Fähigkeiten (zb auch Fremdsprachen, Gebärdensprache usw) und Wünsche in Bezug auf die Betreuerbestellungen (auch zB die Wohnorte der Betreuten) zu äußern. Außerdem kanm die Behörde sicher Tipps zur örtlichen Situation, besonderen Vorlieben von Richtern und Fortbildungen, zum Infoaustsusch, zu Verfahremsweisen im Verhinderungsfall geben.

Wenn man ein solches Gespräch vernünftig strukturiert. Das war hier wohl nicht so der Fall. Hört sich eher an, als habe man da einen Sozialarbeiter abgeladen, der schon lange die innere Kündigung hat und jetzt nur noch rumjammert.
__________________
Mit vielen Grüßen
Horst Deinert

Weitere Infos:

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Geändert von HorstD (20.01.2023 um 17:56 Uhr)
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Alt 23.01.2023, 22:24   #8
Forums-Azubi-Anwärter
 
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Beiträge: 28
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Guten Abend zusammen,


@Bledi und Horst,


ich hatte genau eine solche Situation bei allen früheren Bewerbungsgesprächen als Sozialarbeiterin: Die Chefs haben erstmal erzählt, wie gefährlich der Job ist, wie schlecht die Arbeitszeiten sind, etc. - das macht meiner Meinung nach (unter anderem) auch Sinn, denn was bringt ein Mitarbeiter (oder hier: Betreuer), wenn dieser dann nach 3 Wochen das Handtuch schmeißt, weil er oder sie sich davor nicht mit dieser ernüchternden Realität auseinandergesetzt hat.



Auch meine zwei Betreuungsbehörden haben sich zwar unendlich gefreut über "Nachwuchs" - aber gleichzeitig lief das Gespräch dort ähnlich wie bei dir Bledi.


@Mayla
Genau dieses Problem hat mich jetzt im ersten Jahr auch stark beschäftigt und teilweise fast wahnsinnig werden lassen:
1. Ich wurde am Anfang für über 5 Betreuungen angefragt. Habe da erstmal nur 4 zugesagt. Dann kam ein halbes Jahr nichts mehr und dann wieder x Stück auf einmal...
2. Es ist immer ein "Überraschungspaket" - mal kam die Bestellung 2 Tage später, mal erst 4 Monate später, mal gar keine, mal an Weihnachten.
3. Ich habe als Anfängerin vor allem "Betreuungsübernahmen" bekommen - ich hatte dabei wohl eher Pech. Denn obwohl die Betreuungen alle schon ein bis zwei Jahre gelaufen sind, gab es immens viel, und zudem teilweise auch noch akut, zu regeln. Fazit: Gleicher Aufwand (oder höherer??) bei schlechterer Bezahlung...


So hatte ich vor einem Jahr den Start nicht "geplant" - nach jetzt 12 Monaten hat sich aber alles einigermaßen eingependelt.


Mayla, ich finde es auch total schwierig, den persönlichen Einsatz richtig zu "dosieren" - und ohne Team (das ja üblicherweise bei den Sozpäds ganz hoch gehalten wird) nochmals viel schwieriger.


LG Bombi
Bombi ist offline  
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Alt 24.01.2023, 15:17   #9
Mayla
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Beiträge: n/a
Standard

Hallo Bledi_DZ und Bombi,

Update von mir:

Habe zwischenzeitlich die Entscheidung getroffen, die Berufsbetreuungen baldmöglichst nur noch nebenberuflich zu führen.
Aus meiner subjektiven Sicht ist der Abstand zwischen der Verantwortung, den Aufgaben auf der einen Seite und der Vergütung und der eigenen Altersvorsorge bei einer hauptamtlichen Selbständigkeit nicht angemessen.
Das ist aber lediglich meine subjektive Meinung, dazu kann ja jede/r eine andere Meinung haben.

Ich würde aus heutiger Sicht nach meinen Erfahrungen der letzten Monate mit Businessplanung, Gründerzuschuss, hauptamtliche Gründung niemandem mehr dazu raten, dies mir gleich zu tun.
Auch das gibt nur meine individuelle Meinung wieder und kann von anderen anders gesehen werden.

Meine Bewerbungen für eine sozialversicherungspflichtige Anstellung sind geschrieben und die Betreuungsbehörden habe ich informiert, dass ich bis auf weiteres keine neuen Betreuten mehr annehme.

Ich denke, man muss sehr wild sein, um unter den Bedingungen den Job zu machen - wenn man die Verantwortung ernst nimmt, die hinter jedem Aufgabenbereich eines Aufgabenkreises steckt.

Jeder Gründungswillige sollte sich vorher genau ein Bild machen, welche Auswirkungen die unplanbaren Elemente (Zugangszeiten, Einordnung der jeweiligen Betreuten in die jeweilige Pauschale) haben. Auch wären offenere Worte über das eigene Netto durchaus nützlich für Gründer*innen (da gibt es hier ja auch oft Vorbehalte dagegen).

Ein Faktor, der mich an der Arbeitsausführung in den letzten Monaten auch immer wieder stark und in unterschiedlichem Gewand genervt hat, war, dass ich den Eindruck hatte und habe - dass ich teilweise vor Gericht erst um die Aufgabenbereiche "kämpfen" muss, die ich auf der anderen Seite aber zwingend zur Erfüllung der Aufgaben brauche.
Ich habe da vier Beispiele:

- Sollte einen im Heim unterbringen und die Wohnung auflösen und bekam erst nach einem Hin und Her die Wohnungsangelegenheiten und bis heute keine Genehmigung zur Wohnungskündigung (er baut derweil Mietschulden auf, das weiß das Gericht)

- Bei einer bekam ich die Vermögenssorge ohne die Konten, für die eine Vollmacht besteht. Es gab nur 1 Konto und für das bestand eine Vollmacht. Die Bevollmächtigte ist 83. Ich habe dann beantragt, dass entweder der Aufgabenbereich so verändert wird, dass das Konto beinhaltet ist, oder dass die Vermögenssorge aufgehoben wird (habe dargelegt, dass Anträge zu stellen sind und ich die Vermögenssorge eigentlich brauche). Wurde aufgehoben. Ich will ja keine Verantwortung für ein Vermögen, wenn ich das einzige Konto nicht einsehen kann.

- Eine Betreute, die untergebracht ist. Bestellung ohne Aufgabenbereich Unterbringung.

- Ein Betreuter im Pflegeheim, psychisch sehr krank. Kein Aufgabenbereich Post.

.... Und die Argumentationen der Gerichte klangen dann oft so, als müsste man den Betreuten vor zu viel Einflussnahme schützen. Das fand ich richtig lästig, weil da so ein mangelndes Vertrauen in die Betreuerin mitgeschwungen ist.

Ich denke, die Gesellschaft und die Politik müssen das Betreuungssystem, die Vergütung, Standards in Abläufen weiter entwickeln, ansonsten könnte es noch mehr jungen Betreuern auffallen, dass hier eine Verhältnislosigkeit besteht.

Ich glaube, dass das System bisher nur funktioniert, weil es noch genügend Betreuerinnen gibt, die entweder die eigene Verantwortung nicht so präsent haben, wie sie de facto ist - oder solche, die Abstriche an der eigenen Qualität als notwendigen Faktor der Machbarkeit hinnehmen - oder jene, die permanent ohne Refinanzierung arbeiten und damit viel Ehrenamt einfließen lassen.

Ich bin gespannt, wie sich das System und die Vergütung und alles entwickelt und schaue da gerne aus einer größeren Distanz zu und beobachte. Bis dahin hoffe ich, dass ich einen sichereren beruflichen Hafen finde und bemühe mich, die Betreuten die ich nun habe gut zu unterstützen.

Ich wünsche Deutschland und den Menschen, die eine Betreuung brauchen, dass die Politik die Rahmenbedingungen an Fallzahlen, Vergütung, Verantwortung, Planbarkeit so aufstellt, dass ein gutes Arbeiten ab dem ersten Tag für selbständige hauptberufliche Betreuer *innen möglich ist und dass die Nachwuchssicherung somit auf gute Beine gestellt wird und es die Betreuungsbehörden dann auch etwas leichter haben, jemanden zu finden.

Ich wünsche allen Berufsanfängern den Mut sich auszuprobieren und den Mut, ggfs. rechtzeitig (bevor mehr Betreuungen übernommen wurden und diese dann irgendwann nicht mehr zu betreuen sind) die Reißleine zu ziehen. Ich denke, dass es falsch wäre, etwas weiterzumachen, nur weil man einmal angefangen hat. Es muss aus meiner Sicht auch eine Ausgewogenheit aus Leistung/Bezahlung/Absicherung bestehen. Das ist kein Luxus und keine übertriebene Anforderung an den eigenen Berufsweg.
 
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Alt 24.01.2023, 16:10   #10
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Hallo Mayla,


schade, dass sich dein Bild auf diesen Beruf so gewandelt hat. Tatsächlich macht mir dies starke Sorge. Wie ich bereits erwähnt habe stehe ich in den Startlöchern und warte auf meinen ersten Fall, dein Fazit aus deiner bisherigen Tätigkeit als Berufsbetreuerin schreckt mich ein wenig ab.



Hier im Forum aber auch aus anderen Medien habe ich bisher den Eindruck gehabt, dass es zwar kein einfacher Job ist, der seit dem 01.01.2023 bei gleichbleibender Vergütung nochmal erschwert wurde, aber dennoch die Vergütung so gut sein muss, dass sich der Aufwand lohnt. Ich gehe davon aus, dass wenn ich diesen Job Hauptberuflich in Vollzeit mache, sprich 40-50 Fälle, ich mehr verdiene als als angestellte Sozialpädagogin, alles andere würde doch keinen Sinn ergeben?!? Warum sollten Menschen selbstständig sein in einem komplexen und verantwortungsvollen Beruf, wenn man als Angestellte wo man pünktlich ausstempeln kann, Entgeltfortzahlung und bezahlten Urlaub hat, gleich oder mehr verdient. Auch üben diesen Beruf viele Anwälte aus, ich glaube nicht dass diese für den Mindestlohn tätig werden, wenn ich mir diese Aussage erlauben darf.



Zu deinen frustrierenden Erfahrungen mit den Gerichten etc. kann ich (noch) nichts beisteuern. Diese sind jedoch sehr wertvoll für mich, danke.



Dass du diese Rückmeldung deiner Betreungsbehörde gegeben hast, müsste doch bei denen die Glocken läuten lassen. Ich verstehe es nicht, wie bereits in meiner vorherigen Nachricht. Berufsbetreuer werden angeblich händeringend gesucht, wieso wird der Start und offensichtlich auch der spätere Berufsalltag so dermaßen erschwert. Unverständlich für mich.



Sollte ich ähnliche Erfahrungen wie du machen und die nebenberufliche Selbstständigkeit scheitern, zieh ich auch den Schlussstrich und gehe zurück auf mein Angestelltenverhältnis.
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